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Stückbeschreibung “Ich und die Weltmeere. Weil die Tür vom U-Boot klemmte” (Trilsch)

Ich und die Weltmeere. Weil die Tür vom U-Boot klemmte

von Sarah Trilsch

 

Inhalt

Herr Voigt, Herr Lehmann und Herr Matz sind im Dienst. Im Alten Rathaus, in der Oper und im Museum arbeiten sie Nacht für Nacht als Wachmänner. Die Monotonie und den wenigen Schlaf nehmen sie hin. Ständig sind sie von der Angst begleitet, einen Fehler zu machen und damit ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Sie wollen nicht auffallen, sondern nur ihren Pflichten nachkommen. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Stolz sagen sie: Wir haben Arbeit. Und so erleben sie jeder für sich die Einsamkeit und Magie der Nacht. Nach und nach geben sie Einblicke in ihr Leben, ihre Träume und Utopien. Ein Stück über drei ältere Herren, die trotz biografischer Brüche nie ihre Würde verlieren.

„Ich und die Weltmeere. Weil die Tür vom U-Boot klemmte“ basiert auf Interviewaufzeichnungen mit Wachmännern aus Leipzig.

 

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Stückbeschreibung “zwanzig Komma drei Meter Ruhe” (Gerstenberg)

zwanzig Komma drei Meter Ruhe

von Agnes Gerstenberg

 

Inhalt

Lena Witte und B könnten kaum unterschiedlicher sein: Während B sich von der Gesellschaft zurückgezogen hat (sich eingeschlossen, in seinen eigenen vier Wänden), drängt Lena Witte sich immer wieder ungefragt in die Leben anderer Menschen. Nur zufällig gibt es eine Verbindung zwischen beiden: S.

S lebt mit B seit ein paar Jahren in einer glücklichen Beziehung. Bis zu dem Tag, an dem sie von Lena an der Bushaltestelle angesprochen wird und ihr geordnetes Leben zu hinterfragen beginnt.

In ihrer Verschiedenheit ergänzen und beflügeln sich die Figuren. Und doch scheitern sie mit ihrem Wunsch, eine Beziehung einzugehen, aneinander. Und an sich selbst. Nicht nur ihre Beziehungsgefüge und ihr Alltag, auch die Form des Stückes, Raum- und Zeitebenen geraten zunehmend durcheinander.

Wenn S nicht pünktlich nach Hause kommt, zählt B die Sekunden. Noch weiß er nicht, dass S wegen Lena zu spät kommt. Doch S muss eine Entscheidung treffen. Oder liegt die Entscheidung gar nicht bei ihr?

„zwanzig Komma drei Meter Ruhe“ beschäftigt sich nicht nur mit dem Phänomen, dass wir immer das begehren, was wir gerade nicht haben. Es wirft auch die Frage nach der Autonomie in einer Beziehung auf und wie sehr wir auf andere Menschen angewiesen sind.

 

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Stückauszug “Sister Act Up. Amazon” (Strutzenberger)

Sister Act Up. Amazon

von Thiemo Strutzenberger

Inhalt

Das Kloster als Ort rigider Kontrollsysteme  schildern Historiker der frühen Neuzeit. Sittenstrenge musste überwacht sein. Eine Haltung, der die Allgegenwart der Videokamera des 21. Jahrhunderts entwachsen sein könnte. Ein Kloster ist denn auch der Schauplatz, in dem Thiemo Strutzenberger sein Vexierspiel um Überwachung und Strafe ansiedelt.  Kontrolle als künstlerischer Akt: Das – ehemalige – Kloster, nun Privateigentum der Künstlerin Carol/Karola wird zum Ort einer perfiden Inszenierung. Gedreht wird ein Film – die durch historisches Gerichtsmaterial belegte lesbische Liebe der Äbtissin Benedetta Carlini zu der jungen Nonne Bartolomea. Durch die Kameras festgehalten wird aber auch jede Bewegung des im Kloster lebenden Film-Teams. Reflektiert wird das Phänomen allgegenwärtiger Kontrolle einmal nicht im bekannten Supermarkt, sondern im glamourösen Kleid von Andy Warhols Factory-Experimenten oder Nan Goldins fotografischen Veräußerungen.

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Stückauszug “rasen.mähen” (Hoffmann)

rasen.mähen

 von Johannes Hoffmann

 

Inhalt

Samstag. Wochenendbeginn. Sommer. Es ist heiß. Die Vögel zwitschern. Stadtrand. Ein nettes Grundstück.  Ein großes Haus. Ein herrlich plätschernder Pool. (Nur der Rasen gehört wieder gemäht. Der ist heute dran.) Eine Kleinfamilie. Herwig. Sandra. Marko – Vater. Mutter. Kind. Sie sind die netten Nachbarn von nebenan. Ihre Lebensziele scheinen erreicht – Job, Auto, Hochzeit, Haus, Kind.  Aber was passiert, wenn alle Wunschträume erfüllt sind, aber die Hälfte des Lebens noch vor einem liegt? Was kommt jetzt? Hat man wirklich alles richtig gemacht? Und wer ist die Person wirklich, die jeden Morgen neben einem im Ehebett aufwacht?

Das Stück spielt an einem einzigen Samstag. Von morgens bis  abends ist die Familie gezwungen sich miteinander abzugeben, sich zu beschäftigen, ohne in die Arbeitswelt flüchten zu können. Man ist miteinander konfrontiert. Und hat sich eigentlich nicht mehr viel zu sagen und versucht trotzdem aneinander festzuhalten. Und die Sonne drückt und es wird immer schwüler. Ja, ja es riecht nach Amok. Und da taucht er schon auf: Der Rasenmähermann – der motorisierte Sensenmann. Hick, Hack, Schratt, Schratt.

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Stückauszug “IN EINEM DICHTEN BIRKENWALD, NEBEL” (Dushe)

INHALTSANGABE ZUM STÜCK „IN EINEM DICHTEN BIRKENWALD, NEBEL“

von Henriette Dushe

 

IN EINEM DICHTEN BIRKENWALD, NEBEL zeigt ein zeitgegenwärtiges Frauenschicksal  in drei Perspektiven. Die Alter Ego dieser Frau (JUNG, WEDER-NOCH, ALT) zeichnen altersspezifisch je verschiedene Ansichten und Einsichten. In dieser „Dreifaltigkeit“ erfolgt eine Art Generalabrechnung von Lebensentwürfen, eine mögliche Wahrheit liegt dabei nicht in einer einzigen Sichtweise (auch nicht der „altersweisen“), womöglich aber in der Interferenz der drei Perspektiven. Begonnen wird mit der Aufarbeitung einer Liebe, die sich zu einer grundsätzlicheren Abrechnung mit Lebensphilosophien und -illusionen, mit beruflichen und politischen Ambitionen und Irrwegen in den zwei verschiedenen deutschen Gesellschaftssystemen  entwickelt. Begleitet werden die drei Frauen bei ihrer Elegie von einem Männerchor, der die biografische Klage über den Verlust eines möglichen Glücksversprechens um ihre gesellschaftspolitische Dimension bereichert.

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Stückauszug “THE PHYSICAL IMPOSSIBILITY OF DEATH IN THE MIND OF SOMEONE LIVING” (Oberzaucher)

THE PHYSICAL IMPOSSIBILITY OF DEATH IN THE MIND OF SOMEONE LIVING

von Leonhard Oberzaucher

 

INHALT

 

Ein Künstler, berühmt für in Formaldehyd eingelegte Tierkadaver ist tot. Er hat sich umgebracht und selbst in Formaldehyd eingelegt.

Eine Installation namens MOTHER WE CAN NOT ENTER THIS ROOM OR THE PASSION OF A DETACHED SLEEVE wird ausgestellt und Opfer von Brandstiftung.

Ein Werk mit dem Titel DEAD HARE 1-7 bewegt den Kunstmarkt, da es ohne einen Urheber zu haben, die höchsten Preise erzielt.

In Australien verbreitet sich das vor über 200 Jahren eingeschleppte Wildkaninchen rasant und verursacht jährlichen Schaden von einer knappen Milliarde Australischer Dollar.

Und die Weltwirtschaft bricht mal wieder zusammen.

 

Wie Zufälle knoten sich unzusammenhängende Ereignisse aneinander und beginnen sich gegenseitig zu bedingen in einer Geschichte, in der kein Name vorkommt und das Wort Kunst nicht genannt werden darf. In einer Geschichte, die ohne Pathos große Fragen nach dem Wert der Kunst, der Begreifbarkeit des Todes, den Fehlern der Globalisierung und der Ratlosigkeit der Weltmärkte stellt. Am Ende sind Künstler Kunstwerke, Wildkaninchen Kunstschaffende, Installationen Realitätsgeneratoren und die Weltwirtschaftskrise ganz einfach und begreifbar.

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Stückauszug “Als meine Mutter eine Tochter war” (Zic)

ALS MEINE MUTTER EINE TOCHTER WAR

Von Ivna Zic

 Herkunft ist eine Sprache, die ich spreche, aber ein Land, in dem ich nie gewohnt habe, Zukunft ist – „

 

Eine Frau, vielleicht drei Frauen, vielleicht eine gesamte Generation bleibt kurz stehen und denkt über Herkunft nach; eine Herkunft, die zwar beschreibbar ist, jedoch wenig mit der Gegenwart zu tun hat. Es gibt das Dort und das Hier. Es gibt eine Obdachlosigkeit und eine Verankerung, die sich eigentlich ausschliessen.

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Stückausschnitte Interpretationssache12

Am Retzhof wird gerade intensiv gearbeitet: Sieben AutorInnen feilen mit professioneller Unterstützung an ihren Texten.
www.dramaforum.at veröffentlicht Stückausschnitte zeitgleich mit der Interpretationssache12 am 27. April 2012.

Wer nicht nur lesen, sondern hautnah dabei sein möchte, wenn die Texte das erste Mal einem Publikum präsentiert werden, kommt zum Bildungshaus Schloss Retzhof!

Wann und Wo?

Alle Infos gibt es hier.

Schreib dich ab!

Hallo! Hallo?! Ah, ich dachte grad. Ich komm manchmal aus Versehen auf die Stummtaste, und dann hört mich keiner mehr. Na ja. Es gibt einen Satz, den ich mir jeden Tag selber sage: My work is my life. Nein, NICHT auf einem Blatt Papier, eine Stunde am Tag, in höchster Konzentration, Thomas Mann-like. Ich arbeite manchmal, bis ich so müde bin, daß ich nicht mehr arbeiten kann, noch weiter arbeiten muß, weil irgendwie dann, wenn alles so drüber ist, daß ich überhaupt nicht mehr weiß, was ich arbeite, das Arbeiten richtig losgeht. Wenn ich nicht mehr schreiben kann, was ich will, und die Dinge schreiben, was sie wollen. Die Dinge, die auf einem Schreibtisch Platz haben, schreiben an mir herum. Und ich schreibe sie ab. Und das Leben? Keine Ahnung. Ich hab es irgendwo verloren, in ferner Zeit, mitten im Teenage, als ich nur die paar nötigen Schritte vor die Tür machen konnte, zwei Jahre lang, keine Parties, keine Disco, keine Breakdance-Contests auf den Vorortstraßen, not for me. Ich hab es mit sechzehn oder siebzehn liegen lassen, that thing called life, vor dem Fernseher, und entweder MTV hat es mitgenommen, als es umgeswitcht hat, von Englisch auf Deutsch, oder es war irgendeine Teenieserie à la Beverly Hills 90210. Ja, leider. I wish I could go back to the 90s. Seitdem suche ich überall danach, wie das gehen könnte, back to life.

 

1    alles quer durch uns hindurch

Nach zwei Jahren fast nur mit MTV, immer flimmernd, auf einem Fernseher irgendwo im Ruhrgebiet, war es genug. Und es waren auf einmal Menschen da, genug Menschen, mit denen das Zeitverbringen schön war. Zusammen auf Konzerte gehen, in verrauchten, damals noch sehr verrauchten Hallen, in Revierparks mit Bierständen, in Gemeindekellern, mit Saft und veganer Suppe und den Klängen von Screamobands. Zusammen ins Kino gehen und alle Filme der vergangenen Jahrzehnte, die man eben kennen muß, kennenlernen, aber auch die neuen Filme und auch die, die erst kommen werden, viel später. Zusammen in Küchen herumhängen, in Bars, in Fotoautomaten, einfach alles aufnehmen, was es um uns herum gibt, an Objekten und Subjekten, an Beziehungen, an Geschichte, an verschiedenen Formen, dieselben Erfahrungen aus den Teenagejahren in etwas umzuwandeln, was langsam erwachsen wird, erwachsen und doch Sand im Getriebe. Irgendwas war da, was uns verband und doch wieder nicht, mal eine Umarmung, mal keine, der Abstand, den dieses subkulturelle Leben manchmal abverlangt, und doch irgendwas war da, was quer ging, durch uns hindurch. Irgendeine größere Geschichte. Die Stories, die damals entstanden, an meinem Schreibtisch, speisten sich aus dem, was ablief, vor mir: Manche Menschen kamen in diesen Stories vor, andere nicht, wieder andere wurden mit ganz anderen zusammengemixt zu einer Figur, und das alles in der heilen Welt dessen, was man damals so nannte: independent, ohne zu wissen, wie bald dieses Wort, das wir so oft aussprachen, uns verlassen würde. Die schöne Subkultur der Neunziger, die sich noch reinzog, in das neue Jahrhundert, völlig ahnungslos, daß es bald vorbei sein würde mit ihr. Nicht visuell, das nicht, aber. Dazu später. So ging es ein paar Jahre lang: Zusammen das erschließen, was war, und dann die Ahnung, irgendwann, in irgendeiner Nacht, es war im Juli [but not 4th of July], den Rauch in den Klamotten, in der Haut, in den Haaren, auf dem Weg zurück vom Konzert, und da, keine Ahnung, warum, die Ahnung, daß es mich immer nur gibt, wenn es andere gibt. Eigentlich war das ja schon mit MTV klar, daß ich nichts bin ohne den, der vor mir steht, vor mir läuft, abläuft, auf dem Fernsehschirm. Einsam verbrachte Stunden, die nie einsam waren. Aber wie soll ich denn dann überhaupt sprechen, über myself?

do it
do it
just do it
do it
do it yourself!

Und immer mehr und immer öfter und immer verzweifelter gedacht: Ich kann einfach nichts selber machen, verdammt, NICHTS! Aber es liegt nicht an dir. Es liegt an MIR. Ich habe einfach etwas besseres verdient. Als alles selber zu machen. Und dann zum ersten Mal das weiße Album gehört von Tocotronic, die damals noch sehr, sehr wichtig, viel zu wichtig waren, und auf dem Album [weiß]: Verweis nach Verweis. Und dann zum ersten Mal Rhizom von Deleuze/Guattari gelesen: Verweise in Verweisen auf Verweise. Und dann gedacht: Ich hab nie abgeschrieben, die ganze Schulzeit lang, habe ich kein einziges Mal abgeschrieben, ich habe immer alle abschreiben lassen, jetzt kehren wir das mal um. Ein paar Wochen nach der [vielleicht doch gefaketen, in der Erinnerung oder im Making Of dazugepackten] Julinacht aufgewacht und das erste Mal einfach nur abgeschrieben. Songzeilen gesammelt, Bücher aufgeschlagen und Sätze rausgerissen, Filme in Einzelbilder zerlegt und einmontiert. Und noch versucht, damit, mit diesem Aufklauben von Einzelteilen, das aufzuhalten, was längst in Gang war, im Niedergang dieses ganzen großen Dings, an dem wir uns festgehalten haben, nein, dieses WIR ging da schon nicht mehr, an dem ICH mich festhalten mußte, und genau das, das war dann weg. Wenn Menschen, die du jahrelang gekannt hast [gefühlt natürlich jahrzehntelang, so wie es sich eben anfühlt, im Teenage, im frühen Twenage], irgendwann einfach aus dem Leben in dieser Subkultur verschwinden, einfach immer weniger werden, von Konzert zu Konzert. Bildergalerie: Wir Rock‘n‘Roll-Boys. Wir Sound im Getriebe. Die Zeiten haben sich geändert, aber wir nicht. Und das ist das schlimme. Die Fotos angeschaut, die entstanden sind, über die Jahre. Gedacht, daß man diese Vergangenheit doch rüberretten muß, in die Gegenwart. Gedacht und noch versucht und versucht und. Inzwischen schlummert das Projekt in der Development Hell.

 

2    in diesem Bild ist kein Fehler versteckt!

Also: rein in das, worum es eigentlich geht: um copy and waste. Kopieren und verschwenden, alles, was möglich ist, was einfach da liegt, als Realität, nehmen und verwenden. So wie ein Fahrschein entwertet werden muß, damit er seinen Wert erhält: Verschwenden als das, was den Wert herauskitzelt aus den Dingen. Aus den alten Filmen, über die ich schreibe, oder aus Fernsehserien. Aus Biographien [schlimmer nur: Autobiographien] abgewrackter Filmstars der Achtziger oder abgefuckter R‘n‘B-Sänger der Neunziger. Aus dem Umgang mit Theorien, die sowieso angewendet werden müssen, dazu sind sie da, und dazu bin ich da, um Theorie auf mich anzuwenden und zu wissen: Aha, das ist das praktische Leben. Das war und ist der Schreibansatz, mit diesem ewigen Herumstehen und Warten am Kopierer, immer warten, was denn rauskommt. Ein kaputter Kopierer, bei dem du nie weißt, in welchem Format er das Kopierte ausspuckt, ob es zu dunkel oder zu hell ist, aus Versehen die Rückseite bedruckt wurde statt die Vorderseite, oder beides zugleich. Und warum? WHY THE HELL? WARUM SO KOMPLIZIERT, WENN ES AUCH EINFACH GEHT? Weil das, was da ist, schon genug agiert. So wie Hubert Fichte schreibt: Der ganze Roman / Faßt sich selbst unten / an die Seite / und blättert um. Stattdessen, in den ersten zehn Jahren dieses neuen Jahrhunderts: psychologische Geschichten und große Wenderomane mit nichtssagender Sprache, die erzählen von nichtssagenden Fressen, von Menschen, die irgendwo herumsitzen und rauchen und Probleme haben, die sie plastisch erscheinen lassen sollen, aber die Sprache, in der das passiert ist das Gegenteil, die ist nicht mal 2D! Aber selbstgemacht! Und sie hat wenigstens das zu sagen: Daß sie eigentlich nichts mehr sagen kann. Weil sie völlig abgelöst ist von irgendeiner Realität! Wie alles um uns herum sich doch immer mehr ablöst von dem, was erreichbar wäre. Die Geschichten um uns herum sind völlig unerreichbar: Jeder soll auf einmal übermenschlich schön und rauchfrei und biomäßig fit und mit gutem Gewissen sein. Das kenne ich doch noch von den Screamobands, mit ihren Straight-Edge-Kreuzen auf der Hand, kein Alkohol, keine Drogen, manchmal auch kein Sex. Und auf einmal leben alle so. Was ist denn los? Eben waren wir doch noch independent, am Rand. Und jetzt? In der Mitte. Völlig aufpoliert. Jeder hat sich selbst aufpoliert, weil jeder jetzt einfach alles kann. Jeder kann ihn selbst machen, den roten Teppich, das ist erlernbar, und ich habe angefangen, ihn mir selbst zu gestalten. Und darauf stehe ich und drehe mich, als ehemaliges Riot Grrrl, heute: Diet Girl, bei irgendeiner Preisverleihung, und wenn ich eben nicht schauspielern kann oder Filme drehen, schreiben kann jeder, das habe ich mir beigebracht, ganz selbständig, INDEPDENDENT! Texte, die bei anderen Texten abschreiben, ohne das kenntlich zu machen, die einfach dasselbe Thema haben [das da heißt: das hier ist ein großes Thema] mit denselben Figuren [die immer andere Namen tragen, meistens aber Anne und Tom] und denselben Sätzen [die keine Sätze sind, weil sie immer viel mehr als das sein wollen: Poesie] und denselben Bildern [Bilder, die Realität abbilden sollen und Realität abziehen, aus der Wahrnehmung], das alles immer wiederholen, weil es eben irgendwie immer noch funktioniert, auf dem Markt. Und wann kommt nun der große Wenderoman? Oh bitte, gebt mir den anderen, den Umwenderoman. Umwenden und laufen, so schnell es geht, davor weglaufen, vor diesen Texten, die keinen Fehler an sich haben und mich erinnern an die schlimmsten Clubs und die schlimmsten Disco-Opfer. Wenn Menschen, die du jahrelang gekannt hast, irgendwann einfach aus dem Nachtleben verschwinden, abgleiten in einen Zustand, der nur schwer noch zu sehen ist, kaum noch, gar nicht mehr zu sehen ist, von Disco zu Disco.

do it
do it
just do it
just do do do it
do it
do it
do it yourself!

Ich sehne mich so zurück in die Zeit, als Subkultur noch Subkultur sein wollte, und heute, heute kann jeder alles sein, ALLES, auch ich kann, mit meiner Kreditkarte in der Hand, auf einmal alles mögliche sein, ja, jaja, JA! Du kannst doch alles sein, also streng dich auch an! Hören Sie einfach heute noch damit auf, weniger als exzellente Arbeit abzuliefern! Oh ja. Der Kapitalismus war immer schon verwirklicht. Und wir nie. Nie nie verwirklicht. Aber die Selbstverwirklichung liegt in jeder Zeile, die nicht zugibt, daß sie abgeschrieben worden ist aus einer Realität. Alles ist mir nicht genug. Ja, Tom Waits oder Johnny Cash werden zwar am Anfang jedes Romans aus den Creative Writing-Classes dieser German-speaking world zitiert. Aber auch das nicht, weil das, was da gesungen oder gesagt würde, mit irgendetwas korrespondiert, in der Leere dieser Geschichten, die uns vorhalten, wie wir sein müßten, um überhaupt zu sein, so zu sein: originell und total individuell. Fancy, oder? Man könnte auch sagen: cheap. Okay, ja. Und da kann ich doch nur cheap reagieren. Wenn ich die Materialien in die Hand nehme die Materialien mich in die Hand nehmen und zusammenpressen, bis ich weiß, was diese Realität, die vor mir abläuft, eigentlich ist, weil ich wenigstens für fünf Minuten einen kleinen Ausschnitt sehen kann von ihr, ein billiges, zusammenkopiertes Fanzine aus einem Neunzigerjahre-Independentfilm. Wie kommen wir je wieder davon weg, glücklich zu sein, nur wenn wir arbeiten? Wobei die Arbeit nie nach Arbeit aussehen darf, nur nach Spaß, nach Genuß: immer zur Verfügung stehen, wenn die Arbeit ruft. Wir Cock‘n‘Call-Boys. Wir sind rettungslos. Rettungslos gewonnen, für den Markt da draußen. Und die Blue Ray Discs? Bringen uns die die Rettung? Da kannst du wenigstens ranzoomen, bei dieser Auflösung kannst du unglaublich nah ranzommen, und dann wird niemand mehr so tun können, als gäbe es keine Narben, Schnitte oder wenigstens kleine Partien von Orangenhaut, wie an jeder Textur. Bitte? You must be joking. Äh. Must be choking. On my dick. Ist auch eine Art Selbsthilfe, oder? Ich dachte, der eigene Schwanz im Mund, das gäbe es nur im Porno. Den Porno kann man zwar überall bekommen, inzwischen, und da kannst du auch alles sehen, was du dir vorstellen kannst, was du dir nicht vorstellen kannst, vorstellen willst. Aber das heißt noch lange nicht, daß du es auch machen darfst. Hier darfst du nur bestimmte Moves machen [siehe: Heidi Klum]. In DEM Porno, diesem riesigen Porno, in dem wir sind, etwas, das uns immer anhält, bereit zu sein, für die nächste Nummer. Wir sind SO willig. Zu arbeiten, zu stylen, auszugehen. So willig, die Heftmappen aufzustellen, damit der neben uns nicht mehr abschreiben kann, auch wenn er es gar nicht tun würde, weil das, was zu sehen ist, so mickrig und billig ist. Dennoch müssen wir es schützen, uns schützen, uns und die, sie so sind wie wir. Früher, ja früher war es noch so, daß die Jungs sich nicht berühren lassen konnten und nicht lieben, weil sie arbeiten mußten, und die Mädchen konnten in ihrem Freizeitlook herumhängen und sie selbst sein. Ich wollte auffallen und daß alle sich nach mir umdrehten und staunten. Ich wollte sie zum Nachdenken bringen, sie aufrütteln, aus ihrem Trott herausreißen. Und deshalb hatte ich mir diese Geschichte zurechtgelegt, daß ich außergewöhnlich bin. Dabei war ich es nie. Aber irgendwann. Irgendwann muß ein Ende sein, es geht immer weiter und weiter, ich kann nicht mehr.

 

3    man schafft es nicht mehr, sich aus den Dingen herauszuhalten

Ich habe mich immer nur für mich interessiert. Sagt das Ex-Riot-Grrrl, heute nur noch: Girl, vor dem Spiegel sitzend. Nur für mich, obwohl mein Spiegelbild mir auch mal näher war. Es sah mir noch nie ähnlicher als heute, aber es war mir näher. Strange. So ist es eben, wenn das, was man sich früher erträumte, an anderen sozialen Formen, basierend auf gemeinsamem Geschmack, gemeinsamen Vorlieben und Liebschaften, gemeinsamen Momente in der Nacht, sich auf einmal gegen dich wendet. Wenn ich auf einmal ganz viel mit anderen reden MUSS, mich fotografieren lassen MUSS, mein schreibendes Selbst in drei Sätzen ausdrücken MUSS, für ein Interview. Das Selbst als Funktion. Wie kann ich mit dem Schreiben Geld verdienen und doch verhindern, daß die Tatsache, daß ich Geld damit verdiene und auf einmal auch verdienen muß, sich auswirkt auf das, was ich  schreibe? Hilft es, kenntlich zu machen, daß auch das nur Zweit-, Dritt-, Xt-Verwertung anderer Sachen ist, früher noch mit Prittstift geklebt, die Kanten, heute ohne Klebe, hier drin, im Schreibprogramm? In der Schreibhilfe. Selbsthilfe. ICH KANN ALLES! Selber. Sogar den Sozialstaat, sogar den kann und soll ich mir selber bauen. Das ist eine ganz neue Art von Sozialität, daß man die Dinge eben in die eigene Hand nimmt. STOP! Irgendwas stimmt doch nicht mit diesem ganzen DIY-Ding, das wir so cool fanden, als wir noch jünger waren, weil es die älteren Geschwister oder älteren Cousins oder älteren Freunde in der Punk-Zeit entdeckt hatten oder wiederentdeckt und perfektioniert. Daß jeder alles kann, heißt das, daß jeder alles muß? Ja, und auch die Arbeitslosen werden Freelancer, immer dabei, sich selbst zu machen, immer neu und anders und besser zu machen. Just do it! Yourself. Und deshalb: NEIN! Ich kann gar nichts selber machen, ich muß als Parasit rumsitzen, auf Kosten des Staates, und andere abhören, mir was abschauen, abschneiden, abschreiben. Weil ich das, was mein Selbst sein soll, nicht raushalten kann aus dem, was mir begegnet, an Realität, egal, in welcher Form. Und wie soll ich mich irgendwo orten, wenn ich nicht all das, was mir hilft, mich zu ordnen oder auch mal ordentlich in Unordnung zu bringen, wenn ich all das aufsammele und versuche, zueinander in Relation zu setzen, damit da, in der Relation, oder als Relation, als Abstand zwischen den Dingen, Menschen, Themen irgendwo das auftaucht, von dem ich noch sagen kann: Das vielleicht, vielleicht bin das ich. In der Montage, auch wenn alle Partikel fremd sind, im Zusammenstoß dieser Teile, in den Techniken und Rhythmen des Schnitts das eigene Erleben wiederfinden, was nie möglich wäre, ohne Schnitt, nur mit linearem Shit. Aber alles an mir ist nicht genug. Es geht nicht weiter. Ich bin stagniert, bin der Stillstand im Getriebe. Und doch seit zwei Jahren Gesellschafter einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts. Antibürgerlichen? Nein, das eh nicht, nee. Aber auch das Wissen darum wird mich nicht davor retten, mit allem, was ich mache, einen Markt zu bedienen. Wie gerade hier. Und langsam aber sicher werde ich meinem Foto immer ähnlicher, da kann ich mich um noch so abseitige Themen bemühen [zur Zeit: Werwölfe, Transgender, Jane Fonda], um noch so viele Risse und Abgründe im Text, um noch größeres Wirrwarr, entweder ich werde meinem Foto ähnlicher, während mein Foto selbst seltsam abwesend wirkt, mehr und mehr, oder es ist irgendwann aus. Wie sang Kevin Drew von Broken Social Scene, damals, 2010? I‘m sick of the self-love, losing the bless me / The exit, the roof of the rule of what we‘ll be / And all the destroyers who never wore dresses. Wenn Menschen, die du jahrelang gekannt hast, irgendwann einfach aus dem Leben in dieser Kreativbranche verschwinden, immer öfter auf die Stummtaste kommen, von Premiere zu Premiere. Spätestens jetzt sollten Sie merken, daß der Kopierbefehl in meinem Schreibprogramm sich automatisch alle paar Minuten einschaltet. Auch wenn er Fehler macht beim Kopieren, ja. Und ich bin ganz gelassen, durch diese Routine. Hören Sie einfach SOFORT auf, exzellente Arbeit abzuliefern! Mach ich doch.

do it
do it
just do it
do it
do it, your self!

Tut mir leid. Es war nen letzten Versuch wert, diese hingerotzten Seiten hier, in vierzehn Tagen zusammengeklaut aus Notizbüchern, der Gala und der sogenannten eigenen, einfach nur fehlerhaften Erinnerung. TUT MIR SEHR LEID! Jetzt sagen Sie es schon! Sagen Sie: Theorie kann dir auch nicht helfen. Du Diskurs-Opfer. Und ich weiß gerade nicht, wie es weitergeht. Vielleicht im Fernsehen. Ich hab mich immer nur für mich interessiert, für das, was ich nur durch die bin, die mich umgeben, und durch die, die sehr weit weg sind und mich nicht umgeben, mit deren Leben ich aber dennoch verbunden bin, nur das hab ich versucht, zu verstehen. Aber in dieser aufpolierten DIY-Welt will das kein Schwein sehen. Vielleicht einfach mehr fernsehen. Das, was fern ist, ja, fern, sehen! Ich muß immer irgendwo nach Realität Ausschau halten. Nee, ausschauen. Ich muß immer irgendwo wie irgendeine Realität ausschauen. Dabei bin ich das Gegenteil von real, also [‘ri:l] wie im Hip Hop. Das Gegenteil von echt. Und deshalb längst abgeschrieben. Und vielleicht, vielleicht wird man in etwas mehr als einem Jahrzehnt über mich schreiben: An ihrem vierzigsten Geburtstag zog sie sich aus dem Showbiz zurück. Wer weiß? Bis dahin ist sicher nichts mehr übrig, von diesem Selbst. Oder kannst du mir das nochmal erkären? Du schreibst ab, und das ist dann dein Subjekt, oder wie? Oh Gee. Let‘s drop the subject! [Ein Traum, der gegen die Realität verstößt und es doch immer verpaßt, sich dort einzuschreiben, für mehr als eine Nacht, mehr als einen Tach. Ach.]

für: Schreibkraft 21 “selbstgemacht” (2011)