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Förderpreis für KOFFEIN

Der Text KOFFEIN von Denis Leifeld wird im Rahmen des Jugendtheaterpreises Baden-Württemberg mit dem Förderpreis 2012 ausgezeichnet.

Der Preis wird im Juni während des Festivals “Schöne Aussicht” verliehen.

Denis Leifeld war 2011 für den Retzhofer Dramapreis nominiert.

Ausschnitte aus KOFFEIN, gelesen bei “Die lange Nacht” im Schauspielhaus Graz (Interpretationssache11)

 



 

Vorstellung – neues Buch von W. Bauer

Von der erfolgreichen Vorstellung des neuen Wolfgang Bauer Buchs mit einer Lesung von Wolfgang Böck gibt es Fotos

Die neue Schreibklasse 2012

Mit dem Einführungswochenende am 21. und 22. Jänner 2012 hat eine neue Schreibklasse im Schauspielhaus Wien ihre Arbeit aufgenommen. Andreas Jungwirth, der Leiter der Schreibklasse, hat sich mit dem folgendem Text vorgestellt.

Den Text als pdf finden Sie hier.

 

Ich fange mit meiner Nichte an.

Als sie ein paar Wochen alt war, regelte ein gerichtlicher Entscheid ihre Belange. Seitdem lebt sie bei meiner Schwester und ist meine Nichte. Das klingt schon mal dramatisch. Meist spielt es allerdings im Alltag keine Rolle.  Vor etwa einem Jahr, beim Einführungswochenende der Schreibklasse 2011, habe ich  auch von ihr erzählt. Gerade war sie in den Kindergarten gekommen. Anfangs flossen Tränen, man musste der Mutter das Kind regelrecht vom Körper reißen. Drei Wochen später begann sie zuhause am Küchentisch mit Playmobil das Geschehen nachzuspielen.  Eine der Figuren war: ein Bub (also nicht sie selbst). Eine andere: die Mama vom Bub. Eine vorgefertigte Playmobilgarage: Das Zuhause. Ein paar aufeinandergesetzte Steine: Der Kindergarten.

Am Rand des Tisches: Mamas Arbeit. Es gab eine U-Bahn. Figuren und Schauplätze waren bestimmt, die Handlung des Stückes denkbar einfach und doch voller Dramatik.  Mama und Bub gehen zum Kindergarten. Mama und Bub winken. Bub bleibt im Kindergarten zurück. Mama fährt mit der U-Bahn zur Arbeit. Mama fährt mit der U-Bahn von der Arbeit zum Kindergarten. Bub und Mama gehen nach Hause. Happy End.

Montag bis Freitag, also im wahren Leben, blieb die Angst, die Mutter könnte eines Tages nicht wieder kommen. Am Küchentisch vergewisserte sich meine Nichte – mit Hilfe von Figuren und Schauplätzen, ein paar Stunden schrumpfen auf wesentliche Momente, das Geschehen auf  entscheidende Drehpunkte. Im Spiel ist auf die Rückkehr der Mutter Verlass. Meine Nichte, die noch nicht ICH zu sagen vermochte, schien begriffen zu haben, dass sie im Leben zwar wünschen und hoffen, den Verlauf aber nicht bestimmen kann. Im Spiel tut sie es. Oder? Mama und Bub winken. Mama verlässt Bub. Mama fährt mit der U-Bahn von der Arbeit zum Kindergarten. Usw. Auch beim zweiten Mal klappte es. Auch bei der vierten, fünften und x-ten Wiederholung. An Einfluss auf das wahre Leben gewann meine Nichte dadurch nicht. Aber sie fasste spielerisch Vertrauen, dass es auch in der Realität jedes Mal gut ausgehen wird.

 

Seit damals ist die Welt meiner Nichte komplexer geworden. Mittlerweile weiß sie, sie ist nicht aus dem Bauch ihrer Mutter gekommen. Neben ihrer Mama gibt es auch noch eine Bauchmama. Selbst noch ein halbes Kind, war diese nicht imstande für ihr Neugeborenes zu sorgen. Kinder sind konservativ.  Sie wollen, dass die Dinge normal sind, so wie bei den anderen. Meine Schwester zieht Beispiele heran, die meiner Nichte aus dem Freundeskreis bekannt sind. Es gibt ein 6jähriges Mädchen, das zwei Mamas hat, aber von einer dritten geboren wurde. Es gibt einen 2jährigen Jungen, der zwei Papas hat. Ein 9jähriges Mädchen wurde von ihrer Bauchmama in Lagos auf Kirchenstufen abgelegt und von Freunden meiner Schwester adoptiert. Eines Tages kommt meine Nichte aus dem Kindergarten nach Hause und erzählt, ihre Kindergartentante – nennen wir sie Sabine – ist auch ein Pflegekind. Objektiv ist die Geschichte nicht wahr. Sabine hat das nie erzählt. Mit den Beispielen aus dem Freundeskreis konnte meine Nichte offenbar nicht die ersehnte Normalität herstellen.

Jemand aus ihrem Alltag sollte so sein wie sie.  Also hat meine Nichte kurzerhand die Realität umgeschrieben. Sie weiß, dass die Geschichte nicht stimmt. Erkennbar am Blitzen ihrer Augen, wenn sie ernsthaft davon berichtet. Vor einem Jahr wollte meine Nichte, dass die Realität dem Spiel mit den Playmobilfiguren entspricht. Das war für sie existenziell. Jetzt ist es die Glaubwürdigkeit ihrer Inszenierung. Um ihr Leben zu begreifen, nutzt meine Nichte viele strategische Elemente, die auch dem Theater zur Verfügung stehen, um von Menschen und Konflikten zu erzählen. Figuren im Raum.

Verdichtung. Drehpunkte.  Handlung. Wiederholbarkeit. Inszenierte Wahrhaftigkeit. Usw.  Aber kann man deshalb das Entstehen des Phänomens „Theater“ entwicklungspsychologisch beschreiben? Die Theaterwissenschaft hat vielfältige Erklärungsansätze. Das zu erforschen, sind wir nicht hier. Aber einer sei hier doch erwähnt, weil er den gesellschaftlichen– und somit politischen Aspekt betont.

Ich zitiere: Am Beginn des Nachdenkens über die Möglichkeit demokratischer Verfahren zur Regierung einer Gesellschaft steht notwendigerweise ein Erstaunen über die Unregierbarkeit freier Menschen und ihrer Handlungen.  Diese Freiheit und damit Unabsehbarkeit menschlichen Handelns begreifen zu lernen, hat die antike Tragödie sich zur Aufgabe gemacht.

 

Fast zweieinhalb Tausend Jahre nach Aristoteles – Schreibklasse 2012 am Schauspielhaus Wien.  Über euch weiß ich wenig bis nichts. Aber vermutlich habt ihr, anders als meine dreieinhalbjährige Nichte, mittlerweile begriffen, dass das Abweichen von der Norm interessanter ist, als das Herstellen von Normalität. Es ist nicht das stupide Einhalten von Regeln. Das zeigen uns die nach dramaturgischen Mustern angefertigten Dramen, die  Hollywood abliefert. Jeder Text hat seine eigenen Regeln, diese müssen nicht jedes Mal komplett neu erfunden werden, und doch muss man sie selbst aufstellen. Wie bei der Geschichte meiner Nichte geht es auch beim Schreiben eines Stückes um eine glaubwürdige Behauptung –  weil es im Theater darum geht. Als Zuschauer weiß ich, das sind SchauspielerInnen, sie sprechen Worte, die sie vorher auswendig gelernt haben, alles Handeln ist genau geplant usw. Und doch halten wir es für glaubwürdig, dass hier im Moment gemeint, gesagt, gestritten, geliebt, gehasst wird.

Und doch vergessen wir als Zuschauer nie, dass wir mit anderen in einem Veranstaltungsraum sitzen. Und doch sind wir einverstanden, dass Julia tot ist, nachdem sie Theater-Gift genommen hat. Würden wir das nicht sein, würden wir über Romeos Verzweiflung lachen. Vielleicht reicht es ja, es für glaubwürdig zu halten, dass Romeo es glaubt, beziehungsweise der Darsteller des Romeo uns glauben macht, dass seine dazustellende Figur es glaubt. Halten wir so viel Gleichzeitigkeit und Widersprüche aus, weil das unser kindliches Gehirn beim Begreifen der Welt geübt hat? Darüber hinaus muss alles im richtigen Verhältnis zueinander stehen. Sonst „steigen wir aus“. Wir langweilen uns. Wir müssen an der unpassenden Stelle lachen. Wenn ein Schauspieler den Text vergisst, erleben wir so einen Moment. Meist ist so ein Moment sogar reizvoll, weil er uns die Brüchigkeit von Theater vor Augen führt.  Diese Brüchigkeit herzustellen ist schwer.  AutorInnen sind neben RegisseurInnen, SchauspielerInnen, TechnikerInnen, AusstatterInnen und nicht zuletzt ZuschauerInnen ein wesentlicher Pfeiler, aber eben auch nur einer. Um für das Theater zu arbeiten, müssen wir dieses Zusammenspiel und seine Brüchigkeit begreifen. Als Student, in den späten 80iger Jahren, habe ich mir mehrfach dieselbe Aufführung im Akademietheater angesehen.  SOMMER von Edward Bond Mit Elisabeth Orth. Ich erinnere mich nur vage an die Handlung des Stückes.

Irgendwas mit Griechenland und Nazis. Aber ich erinnere mich an den Hut, den Elisabeth Orth trug. Ein roter Sommerhut. Er war ihr entscheidendes Requisit.  Mit ihm drückte sie Alles aus, was sie mit den vorgeschriebenen Worten nicht sagen konnte. Wie sie ihn vom Kopf nahm. Wie sie ihn drückte. Ihn als Schutz brauchte. In weglegte. Und sie hat es Abend für Abend auf dieselbe Weise getan. Damals fand ich das nur erstaunlich und faszinierend. Fragen stellte ich mir erst später, als ich Ende der 90iger Jahre begann für das Theater Stücke und für das Radio Hörspiele zu schreiben. Warum ist etwas öfters hintereinander auf dieselbe Weise getan, noch keine Routine? Was muss ich aufschreiben und was nicht, damit eine Elisabeth Orth das tut, was mich so fasziniert hat? Wie lege ich Handlung und Bedeutung nahe, ohne sie zu notieren? Wie schreibe ich zwischen den Zeilen.  Heißt fürs Theater schreiben etwa möglichst wenig schreiben?

Ich habe die Übung wiederholt.  Sieben Mal  Cechovs Möwe inszeniert von Andrea Breth an der Berliner Schaubühne. Wenn Arkadina ihren Schriftsteller zur Rede stellt, kann das an einem Abend tragisch und an einem anderen heiter sein. Warum ist das so?

Warum kann das so sein? Warum ist etwas spannend und wann bin ich gelangweilt?

Wann ist etwas traurig und wann lustig? Liegt es an den Worten? An den Taten? An der Komposition? An meiner Stimmung, an der kollektiven Verfasstheit des Publikums? Was hat das Theater mit dem Leben zu tun? Was hat es mit meinem Leben zu tun? Mach kein Theater, heißt es, wenn jemand unnatürlich agiert, etwas übertrieben zur Schau stellt usw. Anders als das Leben, braucht das Theater Zuschauer. Eine Regel besagt, sind weniger Personen im Publikum, als auf der Bühne agieren, kann die Vorstellung abgesagt werden.  Leben kann nicht abgesagt werden. Theater schon. Es muss nicht stattfinden.

 

Das Hörspiel  ALLEINE BIN ICH VIEL entstand im vergangenen Jahr. Während meine Nichte nach und nach ihr Leben begreift, arbeite ich meine Vergangenheit auf.  Das Stück beruht auf Briefen, die ich in den Jahren 1990/91 geschrieben habe. Trotzdem erzählt es in erster Linie etwas über den Protagonisten Georg Stein, einen 23jährigen Absolventen einer Schauspielschule, der Österreich, seine Familie und seine Freunde verlässt, um an einem kleinen deutschen Tourneetheater zu arbeiten. Diese Bühne ist erschreckend provinziell. Eine Liebesgeschichte wird zum Fiasko. Die Beziehung zur Familie ist angespannt.  Sein gerade begonnenes Leben als Erwachsener, droht genau wieder dort zu enden, von wo er aufgebrochen war –  in seinem Elternhaus. An der innerdeutschen Grenze „stationiert“ schreibt er gegen die wachsende Enttäuschung und Einsamkeit an.

Er schreibt Briefe.  Hunderte Briefe. An seine Mutter, seine Schwester, eine Kommilitonin, Freunde und den geliebten Menschen, immer wieder, jeden Tag, manchmal jeden Tag mehrere. Bis hierher ist Georg Stein und ICH derselbe. Über den Grund, warum ich mit Durchschlagpapier Kopien von den Briefen gemacht habe, kann ich nur spekulieren. Waren sie eine Art Tagebuch, das ich bewahren wollte? Waren es erste Schreibübungen, deren Entwicklung ich später nachzuverfolgen gedachte? Habe ich aus jugendlicher Selbstüberschätzung schon mit  einem Nachruhm spekuliert? Aber bei jedem der vielen Wohnungswechsel, habe ich hunderte Seiten ein- und wieder ausgepackt. Vor etwa zwei Jahren beschloss ich abermals umzuziehen, diesmal zurück nach Wien, von wo ich vor zwanzig Jahren aufgebrochen war. Wieder fielen mir die Briefe in die Hände, die ich jahrelang nicht gelesen hatte. Aber anlässlich meiner Rückkehr nach Österreich, interessierte ich mich für die Anfänge in Deutschland.

Ich las darin. Dieser ICH in den Briefen kam mir mittlerweile wie ein anderer, ein Fremder vor. Eine Voraussetzung, um ein paar Tage vor meiner Abreise mit zwei Einkaufstaschen, prall gefüllt mit vergilbtem Papier, im Büro einer Hörspielredakteurin des DeutschlandradioKultur zu sitzen.  Ich skizziere die möglichen Themen. Ein Österreicher in Deutschland. Das erste Berufsjahr eines jungen Schauspielers.

Eine Liebesgeschichte. Das Verhältnis des jungen Mannes zu seiner Familie.

Persönliche und zeitgeschichtliche Entwicklungen, die nahezu ohne Einfluss aufeinander, nebeneinander herlaufen. Die Wiedervereinigung. Der erste Irakkrieg.

Das prinzipielle Interesse der Redakteurin macht meine persönlichen Briefe zum Material. Antwortbriefe stehen nicht zur Verfügung. Wir stellen erste Fragen.  Oft stehen praktische Überlegungen am Anfang. Wer wird diese Briefe in der Umsetzung für den Hörfunk lesen? Der Briefschreiber? Die Empfänger? Welchen Einfluss hat das auf den Text. Das Stück soll um die 80 Minuten lang werden. Eine einzige Stimme könnte ermüdend wirken. Aber würde der Hörer kapieren, dass das ICH immer dasselbe ist, und nicht das der jeweiligen Stimme? Würde so deutlich werden, dass jeder Empfänger nur einen Teil der Geschichte kennt? Was ist der Reiz daran? Der Hörer würde – im Gegensatz zu den einzelnen Figuren –  die ganze Geschichte erfahren. Erzeugt das Spannung? Nach mehreren Stunden hin und her, treffe ich eine Bauchentscheidung.

Es soll ein mehrstimmiger Monolog werden, bei dem die Stimme des Monologisierenden niemals zu hören ist.  Weitere Fragen: Welche BriefpartnerInnen wähle ich aus? Brauchen wir eine Spielebene, in der ausschließlich Briefempfänger „auftreten“? Wie müssen die einzelnen Stränge komponiert werden, wie setze ich sie zueinander in Bezug, und wie voneinander ab, um so ein dichtes Netz zu weben, ohne den einzelnen Faden zu verlieren? Usw.

Ich gehe mit meinen Briefen und ein paar richtungsweisenden Entscheidungen wieder nach Hause. Ich mache mich an die Arbeit, ohne alles zu wissen. Aus Erfahrung weiß ich, am Beginn zu viel zu wissen, kann genauso hinderlich sein, wie zu wenig zu wissen.

Anders als bei anderen Projekten, habe ich eine Fülle an Material, das ich reduzieren muss, statt Material von einer Idee ausgehend aufzubauen.  Im Sinne der Transparenz verbinde ich gewisse Erzählungen mit gewissen BriefempfängerInnen, sodass eine Nähe zwischen Stimme und Thema entsteht. Ich schiebe das Material hin und her, schreibe es um, kürze es, baue es neu zusammen. Das folgt einem Plan, den ich möglichst lange in der Schwebe halte.  Am Schreibtisch werden die Geschichten immer abstrakter, immer weniger biographisch.  Das erleichtert es mir, den tatsächlichen Ablauf zu verlassen.  Mit dieser Möglichkeit kann ich endlich dem vagen Eindruck begegnen, es fehle etwas, was der Geschichte eine Perspektive gibt, eine Ambivalenz, der Protagonist braucht einen Gegenspieler. Ich suche im Material. Nicht immer ist Verlass darauf, das Vermisste im bereits Bestehenden zu finden. Ich habe Glück. In den Briefen taucht immer wieder eine Figur auf. Herr Bernstein. Er ist Nachbar des Protagonisten. Ein ehemaliger Nazi und schwul. Neben DDR, Bonner Republik und Wiedervereinigung, greift ein weiterer Teil deutscher Geschichte ein. Bernstein fällt aus dem Muster der anderen Mitspieler.

Er erhält keine Briefe. Ist es möglich, dass er trotzdem alle kennt?

Wie der Briefschreiber und die Hörer? Bernstein kann nur auf der Spielebene eingesetzt werden. Ich entwickle eine Beziehung zwischen dem alten Nazi und dem junge Schauspieler. Obwohl sie aus so unterschiedlichen Welten kommen, entstehen vertraute Momente, die auf den Protagonisten gleichermaßen anziehend und abstoßend wirken.

Während der Tourneefahrten des jungen Schauspielers, geht der alte Mann regelmäßig in dessen Wohnung und liest die Briefkopien. Am Schluss, nach fast einem Jahr, rettet der alte Mann den jungen vor der erzwungenen Rückkehr unter das elterliche Dach und somit vorm Scheitern, vorm Abbruch des Aufbruchs. Gleichzeitig gesteht der alte Mann seinen Verrat, den er Briefkopien lesend begangen hat. Der freundliche Herr von Nebenan, der schwule Altnazi, ist es, der ihm nach langer Zeit zum ersten Mal das Gefühl vermittelt, nicht alleine zu sein. Verwirrt zieht der junge Schauspieler weiter, so wie ICH es getan habe,  im Jahr 1991, zum nächsten Engagement, im Osten Deutschlands.  Viele Jahre habe ich über diese Zeit Halbwahrheiten verbreitet, zu groß war die Scham darüber, dass der Start fern der Heimat so missglückt war. Als ich zwanzig Jahr später in der Wartehalle eines Flughafens via Internet die Ursendung hörte, war es die Geschichte von Georg Stein, die meiner ähnelte. Hörer mögen das ahnen. Wichtig darf es nicht sein. Ich selbst fühlte mich befreit.  Als Folge der Veröffentlichung würde ich nie wieder Halbwahrheiten über diese Zeit sagen können.

 

Was war noch im vergangenen Jahr?

Ich war auf der Rax wandern.  Mit einem Lehrer, einem Theologen und einem Priester, der im diplomatischen Dienst des Vatikan tätig ist. Der Diplomat trug Wanderschuhe, die er vor zehn Jahren das letzte Mal getragen hatte. Obwohl er wusste, dass Wanderschuhe, die jahrelang im Kasten stehen, unbrauchbar für den Berg geworden sind, vertraute er blind darauf, dass sie ihm gute Dienste erweisen würden.  Beim Anstieg, auf etwa halber Strecke, begannen sich die Sohlen zu lösen. Er schaffte es immerhin bis zum Gipfel. Aber ein Abstieg war nicht mehr möglich. Also haben wir herumgefragt. Tatsächlich lieh jemand dem Priester Sneakers. Diese Geschichte könnte man zu einer Heiligengeschichte umschreiben. Der Priester, der bloßfüßig einen Berg herabsteigt, ohne sich die Zehen blutig zu schlagen. Etwa so.  Abends, im Haus am Semmering, kamen wir auf den Vatikan, Kirche, Religion und Glauben zu sprechen.

Es war ein gleichermaßen vorsichtiges und offenes Gespräch.  Dennoch begriff ich nicht, was intelligente Zeitgenossen Mitte dreißig dazu veranlasst gläubig im katholischen Sinne zu sein. Und trotz hochkarätigen Gesprächspartnern fühlte ich mich abgespeist.

Ein paar Wochen später sah ich Lars von Triers Melancholia im Kino. Justine baut dem Jungen eine Zauberhöhle. Er glaubt an ihre Wirkung und geht angstfrei in den unausweichlichen, alle betreffenden Tod. Was mir die Theologen nicht klar machen konnten, schaffte der Film. Er machte mir den Sinn von Glauben evident. Er ist da – gegen die Angst. Aber nur ein Kind kann so glauben. Gegen die Angst der Erwachsenen hilft der Zauber nicht. Im Angesicht des Todes zerreißt es sie fast, bis es sie schließlich wirklich zerfetzt. Der Tod ist das Ende der physischen Existenz. Und obwohl man von diesem Standpunkt aus das Leben als Nichtigkeit betrachten könnte, bringt sich niemand um, weil er sterben muss. Prophylaktisch, sozusagen. Vielmehr hat die Menschheit Strategien entwickelt, die es uns ermöglichen, unser Leben zu leben, was immer das im Einzelfall heißen mag. Es entstanden Kulturtechniken wie Religion, Kunst u.ä. , die unser Innerstes und die Gemeinschaft, in der wir leben, befragen. Das Theater ist eine davon. Die Fähigkeit Ereignisse für glaubwürdig zu halten und gleichzeitig zu wissen, dass sie nicht real sind, öffnet uns emotional für Geschichten. Wir identifizieren uns mit Figuren, werden auf unsere Ängste zurück verwiesen usw. Ich habe lange nicht so gut geschlafen, wie nach Lars von Triers Katastrophenfilm. Er hat mir meine schrecklichsten Kindheitsängste bebildert.  Durch das Durchleben von Jammer und Schrecken erfährt der Zuschauer der Tragödie als deren Wirkung eine Läuterung seiner Seele von diesen Erregungszuständen, heißt es bei Aristoteles. Er nennt das: Katharsis.

Melancholia hatte eine kathartische Wirkung auf mich.  Das ist für mich ein Qualitätsmerkmal. Alles andere ist verhandelbar. Punkt. Nein. Eines noch. In den 90iger Jahren hat der Deutsche Bühnenverein, angesichts vieler Theaterschließungen in Ostdeutschland, die Losung ausgegeben, THEATER MUSS SEIN.  Bald wurde auf Aufklebern oder Plakaten zwischen MUSS und SEIN das Wort NICHT gekritzelt.  Stimmt.  Theater muss nicht sein.  Viele kommen ohne Theater aus, wie andere ohne Religion. Aber es ist ein fantastischer Ort, zu dem wir uns aufmachen wollen.
Deshalb sind wir hier.


Kosmische Fügungen

Die Wege, die Zeit und die Liebe ergeben sich. Du steuerst dein Fahrrad ohne Bremsen durch die Straßen, die Abstände sind passgenau, du störst keinen, die Zusammenhänge wirken alles andere als willkürlich. Zu Hause verkauft die Tageszeitung deine alten Geschichten als topaktuell, ein Astronaut sehnt sich nach dem Mond, eine Kriegsfotografin onaniert im Krisengebiet.  Und du denkst dir nur, so geht also schreiben.

Das kleine Hasenstück oder Meister L. lernt laufen

… Ein Stück von Natascha Gangl, das bei den uniT AutorInnenwochen mit Anjorka Strechl als Hase  inszeniert wurde.

Das VIDEO zum Stück gibt es hier zu sehen …

Und was sagt die Presse?

 

uniT AutorInnen beim steirischen herbst 2011

Im Rahmen des Text- und Theaterprojekts “Welche Welt?” koproduzierte uniT beim steirischen herbst drei Stücke von uniT AutorInnen:

wie wir es tun sollen von Johannes Schrettle,
Die blauen Augen von Terrence Hill
von Jörg Albrecht und
Am Schönsten ist das was bereits verschwunden ist von Gerhild Steinbuch.


wie wir es tun solltenJohannes Schrettle / zweite liga für kunst und kultur

 


Die blauen Augen von Terrence Hill
Jörg Albrecht / copy & waste

 


Am Schönsten ist das was bereits verschwunden istGerhild Steinbuch / Julie Pfleiderer

Das kleine Hasenstück

Es gibt Fotos zum Hasenstück!

Schreib dich ab!

Hallo! Hallo?! Ah, ich dachte grad. Ich komm manchmal aus Versehen auf die Stummtaste, und dann hört mich keiner mehr. Na ja. Es gibt einen Satz, den ich mir jeden Tag selber sage: My work is my life. Nein, NICHT auf einem Blatt Papier, eine Stunde am Tag, in höchster Konzentration, Thomas Mann-like. Ich arbeite manchmal, bis ich so müde bin, daß ich nicht mehr arbeiten kann, noch weiter arbeiten muß, weil irgendwie dann, wenn alles so drüber ist, daß ich überhaupt nicht mehr weiß, was ich arbeite, das Arbeiten richtig losgeht. Wenn ich nicht mehr schreiben kann, was ich will, und die Dinge schreiben, was sie wollen. Die Dinge, die auf einem Schreibtisch Platz haben, schreiben an mir herum. Und ich schreibe sie ab. Und das Leben? Keine Ahnung. Ich hab es irgendwo verloren, in ferner Zeit, mitten im Teenage, als ich nur die paar nötigen Schritte vor die Tür machen konnte, zwei Jahre lang, keine Parties, keine Disco, keine Breakdance-Contests auf den Vorortstraßen, not for me. Ich hab es mit sechzehn oder siebzehn liegen lassen, that thing called life, vor dem Fernseher, und entweder MTV hat es mitgenommen, als es umgeswitcht hat, von Englisch auf Deutsch, oder es war irgendeine Teenieserie à la Beverly Hills 90210. Ja, leider. I wish I could go back to the 90s. Seitdem suche ich überall danach, wie das gehen könnte, back to life.

 

1    alles quer durch uns hindurch

Nach zwei Jahren fast nur mit MTV, immer flimmernd, auf einem Fernseher irgendwo im Ruhrgebiet, war es genug. Und es waren auf einmal Menschen da, genug Menschen, mit denen das Zeitverbringen schön war. Zusammen auf Konzerte gehen, in verrauchten, damals noch sehr verrauchten Hallen, in Revierparks mit Bierständen, in Gemeindekellern, mit Saft und veganer Suppe und den Klängen von Screamobands. Zusammen ins Kino gehen und alle Filme der vergangenen Jahrzehnte, die man eben kennen muß, kennenlernen, aber auch die neuen Filme und auch die, die erst kommen werden, viel später. Zusammen in Küchen herumhängen, in Bars, in Fotoautomaten, einfach alles aufnehmen, was es um uns herum gibt, an Objekten und Subjekten, an Beziehungen, an Geschichte, an verschiedenen Formen, dieselben Erfahrungen aus den Teenagejahren in etwas umzuwandeln, was langsam erwachsen wird, erwachsen und doch Sand im Getriebe. Irgendwas war da, was uns verband und doch wieder nicht, mal eine Umarmung, mal keine, der Abstand, den dieses subkulturelle Leben manchmal abverlangt, und doch irgendwas war da, was quer ging, durch uns hindurch. Irgendeine größere Geschichte. Die Stories, die damals entstanden, an meinem Schreibtisch, speisten sich aus dem, was ablief, vor mir: Manche Menschen kamen in diesen Stories vor, andere nicht, wieder andere wurden mit ganz anderen zusammengemixt zu einer Figur, und das alles in der heilen Welt dessen, was man damals so nannte: independent, ohne zu wissen, wie bald dieses Wort, das wir so oft aussprachen, uns verlassen würde. Die schöne Subkultur der Neunziger, die sich noch reinzog, in das neue Jahrhundert, völlig ahnungslos, daß es bald vorbei sein würde mit ihr. Nicht visuell, das nicht, aber. Dazu später. So ging es ein paar Jahre lang: Zusammen das erschließen, was war, und dann die Ahnung, irgendwann, in irgendeiner Nacht, es war im Juli [but not 4th of July], den Rauch in den Klamotten, in der Haut, in den Haaren, auf dem Weg zurück vom Konzert, und da, keine Ahnung, warum, die Ahnung, daß es mich immer nur gibt, wenn es andere gibt. Eigentlich war das ja schon mit MTV klar, daß ich nichts bin ohne den, der vor mir steht, vor mir läuft, abläuft, auf dem Fernsehschirm. Einsam verbrachte Stunden, die nie einsam waren. Aber wie soll ich denn dann überhaupt sprechen, über myself?

do it
do it
just do it
do it
do it yourself!

Und immer mehr und immer öfter und immer verzweifelter gedacht: Ich kann einfach nichts selber machen, verdammt, NICHTS! Aber es liegt nicht an dir. Es liegt an MIR. Ich habe einfach etwas besseres verdient. Als alles selber zu machen. Und dann zum ersten Mal das weiße Album gehört von Tocotronic, die damals noch sehr, sehr wichtig, viel zu wichtig waren, und auf dem Album [weiß]: Verweis nach Verweis. Und dann zum ersten Mal Rhizom von Deleuze/Guattari gelesen: Verweise in Verweisen auf Verweise. Und dann gedacht: Ich hab nie abgeschrieben, die ganze Schulzeit lang, habe ich kein einziges Mal abgeschrieben, ich habe immer alle abschreiben lassen, jetzt kehren wir das mal um. Ein paar Wochen nach der [vielleicht doch gefaketen, in der Erinnerung oder im Making Of dazugepackten] Julinacht aufgewacht und das erste Mal einfach nur abgeschrieben. Songzeilen gesammelt, Bücher aufgeschlagen und Sätze rausgerissen, Filme in Einzelbilder zerlegt und einmontiert. Und noch versucht, damit, mit diesem Aufklauben von Einzelteilen, das aufzuhalten, was längst in Gang war, im Niedergang dieses ganzen großen Dings, an dem wir uns festgehalten haben, nein, dieses WIR ging da schon nicht mehr, an dem ICH mich festhalten mußte, und genau das, das war dann weg. Wenn Menschen, die du jahrelang gekannt hast [gefühlt natürlich jahrzehntelang, so wie es sich eben anfühlt, im Teenage, im frühen Twenage], irgendwann einfach aus dem Leben in dieser Subkultur verschwinden, einfach immer weniger werden, von Konzert zu Konzert. Bildergalerie: Wir Rock‘n‘Roll-Boys. Wir Sound im Getriebe. Die Zeiten haben sich geändert, aber wir nicht. Und das ist das schlimme. Die Fotos angeschaut, die entstanden sind, über die Jahre. Gedacht, daß man diese Vergangenheit doch rüberretten muß, in die Gegenwart. Gedacht und noch versucht und versucht und. Inzwischen schlummert das Projekt in der Development Hell.

 

2    in diesem Bild ist kein Fehler versteckt!

Also: rein in das, worum es eigentlich geht: um copy and waste. Kopieren und verschwenden, alles, was möglich ist, was einfach da liegt, als Realität, nehmen und verwenden. So wie ein Fahrschein entwertet werden muß, damit er seinen Wert erhält: Verschwenden als das, was den Wert herauskitzelt aus den Dingen. Aus den alten Filmen, über die ich schreibe, oder aus Fernsehserien. Aus Biographien [schlimmer nur: Autobiographien] abgewrackter Filmstars der Achtziger oder abgefuckter R‘n‘B-Sänger der Neunziger. Aus dem Umgang mit Theorien, die sowieso angewendet werden müssen, dazu sind sie da, und dazu bin ich da, um Theorie auf mich anzuwenden und zu wissen: Aha, das ist das praktische Leben. Das war und ist der Schreibansatz, mit diesem ewigen Herumstehen und Warten am Kopierer, immer warten, was denn rauskommt. Ein kaputter Kopierer, bei dem du nie weißt, in welchem Format er das Kopierte ausspuckt, ob es zu dunkel oder zu hell ist, aus Versehen die Rückseite bedruckt wurde statt die Vorderseite, oder beides zugleich. Und warum? WHY THE HELL? WARUM SO KOMPLIZIERT, WENN ES AUCH EINFACH GEHT? Weil das, was da ist, schon genug agiert. So wie Hubert Fichte schreibt: Der ganze Roman / Faßt sich selbst unten / an die Seite / und blättert um. Stattdessen, in den ersten zehn Jahren dieses neuen Jahrhunderts: psychologische Geschichten und große Wenderomane mit nichtssagender Sprache, die erzählen von nichtssagenden Fressen, von Menschen, die irgendwo herumsitzen und rauchen und Probleme haben, die sie plastisch erscheinen lassen sollen, aber die Sprache, in der das passiert ist das Gegenteil, die ist nicht mal 2D! Aber selbstgemacht! Und sie hat wenigstens das zu sagen: Daß sie eigentlich nichts mehr sagen kann. Weil sie völlig abgelöst ist von irgendeiner Realität! Wie alles um uns herum sich doch immer mehr ablöst von dem, was erreichbar wäre. Die Geschichten um uns herum sind völlig unerreichbar: Jeder soll auf einmal übermenschlich schön und rauchfrei und biomäßig fit und mit gutem Gewissen sein. Das kenne ich doch noch von den Screamobands, mit ihren Straight-Edge-Kreuzen auf der Hand, kein Alkohol, keine Drogen, manchmal auch kein Sex. Und auf einmal leben alle so. Was ist denn los? Eben waren wir doch noch independent, am Rand. Und jetzt? In der Mitte. Völlig aufpoliert. Jeder hat sich selbst aufpoliert, weil jeder jetzt einfach alles kann. Jeder kann ihn selbst machen, den roten Teppich, das ist erlernbar, und ich habe angefangen, ihn mir selbst zu gestalten. Und darauf stehe ich und drehe mich, als ehemaliges Riot Grrrl, heute: Diet Girl, bei irgendeiner Preisverleihung, und wenn ich eben nicht schauspielern kann oder Filme drehen, schreiben kann jeder, das habe ich mir beigebracht, ganz selbständig, INDEPDENDENT! Texte, die bei anderen Texten abschreiben, ohne das kenntlich zu machen, die einfach dasselbe Thema haben [das da heißt: das hier ist ein großes Thema] mit denselben Figuren [die immer andere Namen tragen, meistens aber Anne und Tom] und denselben Sätzen [die keine Sätze sind, weil sie immer viel mehr als das sein wollen: Poesie] und denselben Bildern [Bilder, die Realität abbilden sollen und Realität abziehen, aus der Wahrnehmung], das alles immer wiederholen, weil es eben irgendwie immer noch funktioniert, auf dem Markt. Und wann kommt nun der große Wenderoman? Oh bitte, gebt mir den anderen, den Umwenderoman. Umwenden und laufen, so schnell es geht, davor weglaufen, vor diesen Texten, die keinen Fehler an sich haben und mich erinnern an die schlimmsten Clubs und die schlimmsten Disco-Opfer. Wenn Menschen, die du jahrelang gekannt hast, irgendwann einfach aus dem Nachtleben verschwinden, abgleiten in einen Zustand, der nur schwer noch zu sehen ist, kaum noch, gar nicht mehr zu sehen ist, von Disco zu Disco.

do it
do it
just do it
just do do do it
do it
do it
do it yourself!

Ich sehne mich so zurück in die Zeit, als Subkultur noch Subkultur sein wollte, und heute, heute kann jeder alles sein, ALLES, auch ich kann, mit meiner Kreditkarte in der Hand, auf einmal alles mögliche sein, ja, jaja, JA! Du kannst doch alles sein, also streng dich auch an! Hören Sie einfach heute noch damit auf, weniger als exzellente Arbeit abzuliefern! Oh ja. Der Kapitalismus war immer schon verwirklicht. Und wir nie. Nie nie verwirklicht. Aber die Selbstverwirklichung liegt in jeder Zeile, die nicht zugibt, daß sie abgeschrieben worden ist aus einer Realität. Alles ist mir nicht genug. Ja, Tom Waits oder Johnny Cash werden zwar am Anfang jedes Romans aus den Creative Writing-Classes dieser German-speaking world zitiert. Aber auch das nicht, weil das, was da gesungen oder gesagt würde, mit irgendetwas korrespondiert, in der Leere dieser Geschichten, die uns vorhalten, wie wir sein müßten, um überhaupt zu sein, so zu sein: originell und total individuell. Fancy, oder? Man könnte auch sagen: cheap. Okay, ja. Und da kann ich doch nur cheap reagieren. Wenn ich die Materialien in die Hand nehme die Materialien mich in die Hand nehmen und zusammenpressen, bis ich weiß, was diese Realität, die vor mir abläuft, eigentlich ist, weil ich wenigstens für fünf Minuten einen kleinen Ausschnitt sehen kann von ihr, ein billiges, zusammenkopiertes Fanzine aus einem Neunzigerjahre-Independentfilm. Wie kommen wir je wieder davon weg, glücklich zu sein, nur wenn wir arbeiten? Wobei die Arbeit nie nach Arbeit aussehen darf, nur nach Spaß, nach Genuß: immer zur Verfügung stehen, wenn die Arbeit ruft. Wir Cock‘n‘Call-Boys. Wir sind rettungslos. Rettungslos gewonnen, für den Markt da draußen. Und die Blue Ray Discs? Bringen uns die die Rettung? Da kannst du wenigstens ranzoomen, bei dieser Auflösung kannst du unglaublich nah ranzommen, und dann wird niemand mehr so tun können, als gäbe es keine Narben, Schnitte oder wenigstens kleine Partien von Orangenhaut, wie an jeder Textur. Bitte? You must be joking. Äh. Must be choking. On my dick. Ist auch eine Art Selbsthilfe, oder? Ich dachte, der eigene Schwanz im Mund, das gäbe es nur im Porno. Den Porno kann man zwar überall bekommen, inzwischen, und da kannst du auch alles sehen, was du dir vorstellen kannst, was du dir nicht vorstellen kannst, vorstellen willst. Aber das heißt noch lange nicht, daß du es auch machen darfst. Hier darfst du nur bestimmte Moves machen [siehe: Heidi Klum]. In DEM Porno, diesem riesigen Porno, in dem wir sind, etwas, das uns immer anhält, bereit zu sein, für die nächste Nummer. Wir sind SO willig. Zu arbeiten, zu stylen, auszugehen. So willig, die Heftmappen aufzustellen, damit der neben uns nicht mehr abschreiben kann, auch wenn er es gar nicht tun würde, weil das, was zu sehen ist, so mickrig und billig ist. Dennoch müssen wir es schützen, uns schützen, uns und die, sie so sind wie wir. Früher, ja früher war es noch so, daß die Jungs sich nicht berühren lassen konnten und nicht lieben, weil sie arbeiten mußten, und die Mädchen konnten in ihrem Freizeitlook herumhängen und sie selbst sein. Ich wollte auffallen und daß alle sich nach mir umdrehten und staunten. Ich wollte sie zum Nachdenken bringen, sie aufrütteln, aus ihrem Trott herausreißen. Und deshalb hatte ich mir diese Geschichte zurechtgelegt, daß ich außergewöhnlich bin. Dabei war ich es nie. Aber irgendwann. Irgendwann muß ein Ende sein, es geht immer weiter und weiter, ich kann nicht mehr.

 

3    man schafft es nicht mehr, sich aus den Dingen herauszuhalten

Ich habe mich immer nur für mich interessiert. Sagt das Ex-Riot-Grrrl, heute nur noch: Girl, vor dem Spiegel sitzend. Nur für mich, obwohl mein Spiegelbild mir auch mal näher war. Es sah mir noch nie ähnlicher als heute, aber es war mir näher. Strange. So ist es eben, wenn das, was man sich früher erträumte, an anderen sozialen Formen, basierend auf gemeinsamem Geschmack, gemeinsamen Vorlieben und Liebschaften, gemeinsamen Momente in der Nacht, sich auf einmal gegen dich wendet. Wenn ich auf einmal ganz viel mit anderen reden MUSS, mich fotografieren lassen MUSS, mein schreibendes Selbst in drei Sätzen ausdrücken MUSS, für ein Interview. Das Selbst als Funktion. Wie kann ich mit dem Schreiben Geld verdienen und doch verhindern, daß die Tatsache, daß ich Geld damit verdiene und auf einmal auch verdienen muß, sich auswirkt auf das, was ich  schreibe? Hilft es, kenntlich zu machen, daß auch das nur Zweit-, Dritt-, Xt-Verwertung anderer Sachen ist, früher noch mit Prittstift geklebt, die Kanten, heute ohne Klebe, hier drin, im Schreibprogramm? In der Schreibhilfe. Selbsthilfe. ICH KANN ALLES! Selber. Sogar den Sozialstaat, sogar den kann und soll ich mir selber bauen. Das ist eine ganz neue Art von Sozialität, daß man die Dinge eben in die eigene Hand nimmt. STOP! Irgendwas stimmt doch nicht mit diesem ganzen DIY-Ding, das wir so cool fanden, als wir noch jünger waren, weil es die älteren Geschwister oder älteren Cousins oder älteren Freunde in der Punk-Zeit entdeckt hatten oder wiederentdeckt und perfektioniert. Daß jeder alles kann, heißt das, daß jeder alles muß? Ja, und auch die Arbeitslosen werden Freelancer, immer dabei, sich selbst zu machen, immer neu und anders und besser zu machen. Just do it! Yourself. Und deshalb: NEIN! Ich kann gar nichts selber machen, ich muß als Parasit rumsitzen, auf Kosten des Staates, und andere abhören, mir was abschauen, abschneiden, abschreiben. Weil ich das, was mein Selbst sein soll, nicht raushalten kann aus dem, was mir begegnet, an Realität, egal, in welcher Form. Und wie soll ich mich irgendwo orten, wenn ich nicht all das, was mir hilft, mich zu ordnen oder auch mal ordentlich in Unordnung zu bringen, wenn ich all das aufsammele und versuche, zueinander in Relation zu setzen, damit da, in der Relation, oder als Relation, als Abstand zwischen den Dingen, Menschen, Themen irgendwo das auftaucht, von dem ich noch sagen kann: Das vielleicht, vielleicht bin das ich. In der Montage, auch wenn alle Partikel fremd sind, im Zusammenstoß dieser Teile, in den Techniken und Rhythmen des Schnitts das eigene Erleben wiederfinden, was nie möglich wäre, ohne Schnitt, nur mit linearem Shit. Aber alles an mir ist nicht genug. Es geht nicht weiter. Ich bin stagniert, bin der Stillstand im Getriebe. Und doch seit zwei Jahren Gesellschafter einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts. Antibürgerlichen? Nein, das eh nicht, nee. Aber auch das Wissen darum wird mich nicht davor retten, mit allem, was ich mache, einen Markt zu bedienen. Wie gerade hier. Und langsam aber sicher werde ich meinem Foto immer ähnlicher, da kann ich mich um noch so abseitige Themen bemühen [zur Zeit: Werwölfe, Transgender, Jane Fonda], um noch so viele Risse und Abgründe im Text, um noch größeres Wirrwarr, entweder ich werde meinem Foto ähnlicher, während mein Foto selbst seltsam abwesend wirkt, mehr und mehr, oder es ist irgendwann aus. Wie sang Kevin Drew von Broken Social Scene, damals, 2010? I‘m sick of the self-love, losing the bless me / The exit, the roof of the rule of what we‘ll be / And all the destroyers who never wore dresses. Wenn Menschen, die du jahrelang gekannt hast, irgendwann einfach aus dem Leben in dieser Kreativbranche verschwinden, immer öfter auf die Stummtaste kommen, von Premiere zu Premiere. Spätestens jetzt sollten Sie merken, daß der Kopierbefehl in meinem Schreibprogramm sich automatisch alle paar Minuten einschaltet. Auch wenn er Fehler macht beim Kopieren, ja. Und ich bin ganz gelassen, durch diese Routine. Hören Sie einfach SOFORT auf, exzellente Arbeit abzuliefern! Mach ich doch.

do it
do it
just do it
do it
do it, your self!

Tut mir leid. Es war nen letzten Versuch wert, diese hingerotzten Seiten hier, in vierzehn Tagen zusammengeklaut aus Notizbüchern, der Gala und der sogenannten eigenen, einfach nur fehlerhaften Erinnerung. TUT MIR SEHR LEID! Jetzt sagen Sie es schon! Sagen Sie: Theorie kann dir auch nicht helfen. Du Diskurs-Opfer. Und ich weiß gerade nicht, wie es weitergeht. Vielleicht im Fernsehen. Ich hab mich immer nur für mich interessiert, für das, was ich nur durch die bin, die mich umgeben, und durch die, die sehr weit weg sind und mich nicht umgeben, mit deren Leben ich aber dennoch verbunden bin, nur das hab ich versucht, zu verstehen. Aber in dieser aufpolierten DIY-Welt will das kein Schwein sehen. Vielleicht einfach mehr fernsehen. Das, was fern ist, ja, fern, sehen! Ich muß immer irgendwo nach Realität Ausschau halten. Nee, ausschauen. Ich muß immer irgendwo wie irgendeine Realität ausschauen. Dabei bin ich das Gegenteil von real, also [‘ri:l] wie im Hip Hop. Das Gegenteil von echt. Und deshalb längst abgeschrieben. Und vielleicht, vielleicht wird man in etwas mehr als einem Jahrzehnt über mich schreiben: An ihrem vierzigsten Geburtstag zog sie sich aus dem Showbiz zurück. Wer weiß? Bis dahin ist sicher nichts mehr übrig, von diesem Selbst. Oder kannst du mir das nochmal erkären? Du schreibst ab, und das ist dann dein Subjekt, oder wie? Oh Gee. Let‘s drop the subject! [Ein Traum, der gegen die Realität verstößt und es doch immer verpaßt, sich dort einzuschreiben, für mehr als eine Nacht, mehr als einen Tach. Ach.]

für: Schreibkraft 21 “selbstgemacht” (2011)

Der Beuysische Schöpfungsgesang vom Kleinen Hasen

 

In Bayreuth zerfällt der Hase. (Hase Unser, mit deiner direkten Beziehung zur Geburt)

In Kathrin baut er sich ein, baut ein Tunnelsystem /gräbt sich fort in die Magisterarbeit /von dort schlägt er Haken und landet im Schlingen-Büro (oh Hase, mit deiner direkten Beziehung zur Erde, machst ganz real was der Mensch nur in Gedanken kann) Da wurde nicht nur Kathrin das Fell über die Ohren gezogen, oh nein – Auch Natascha und Micha sprangen aus einem Zylinder und fort /zwischen den tickenden Uhren meint Kathrin: sie hat sich schon immer für Sexualdarstellung in Tierform interessiert./ Also musste Anjorka sich dem Hasenkostüm beugen / sich anschliessend ohne es verbeugen/(Hase, du gräbst dich ein in deinen Bau und inkarnierst dich in die Erde.) Und jetzt läuft es das kleinste aller Hasenstücke, läuft von Hamburg, nach Osnabrück, läuft nach Berlin und läuft jetzt in Graz! Amen!


 

Hamsterarbeit

Wie mein Stück „Staub (Hamstersterben)“ den Staub und die Klammern verlor (Von einer wunderschönen Fassung zu einer Aufführungsfassung in 5 Szenen).

Anmerkung: Die folgenden Dialoge sind etwas verkürzt und haben sich so wahrscheinlich nie zugetragen, aber die wiedergegebenen Inhalte beruhen größtenteils auf realen Ereignissen.

1.Szene

Text: Ich hab da ein Stück. Es heißt „Staub (Hamstersterben)“. Es ist wunderschön und großartig.

Produktion: Hm. Interessant.

Text: Wunderschön!

Produktion: Ich weiß da wen, der passt.

Text: Was?

Regie: Ein herzliches Hallo aus der Schweiz!

Text: Was?

Regie: Schön.

Produktion: Ausprobieren?
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